Nach 13 Stunden Flug und einem Halt in Kopenhagen, wobei dieser sehr kurz ausfiel, da unser Flugzeug aus Kopenhagen Verspätung hatte, kam ich am Freitag in Beijing an und stand gleich meiner ersten kleinen Herausforderung gegenüber, eine Toilette ausfindig zu machen, was mir durch die ganz anderen Zeichen relativ schwierig fiel.
Nach überstandener Aufgabe dürfte ich das chinesische Verkehrsprinzip kennen lernen, welches im Grunde ganz einfach nachzuvollziehen ist, da sich jeder seine eigenen Regeln schafft. Der Standstreifen auf der Autobahn ist auf einmal Überholspur, wird aber auch zusätzlich noch von fahrradfahrenden Jugendlichen als Rennstrecke genutzt, was manchmal eine gefährliche Mischung sein kann. Die wichtigsten Regeln sind aber, hupe so viel du kannst, achte nicht auf die Ampeln und bahne dir deinen Weg egal wie. Dabei zieht meist der Schwächere den Kürzeren, worunter hauptsächlich die Fahrradfahrer und Fußgänger leiden.
Im Hotel des Internationalen Instituts der Beijinger Universität angekommen, konnte ich mich mit einigen anderen Austauschschülern bekanntmachen. Von denen die Deutschen mit 25 den größten Anteil stellten, dicht gefolgt von den Italienern mit 24, darüber hinaus 10 aus Thailand, 10 Amerikaner, 3 Schweizer, 2 Österreicher, 2 Belgier, 2 Franzosen, 3 Brasilianer, 2 Mexikaner, 2 Isländerinnen, 2 Kanadier, 1 Australierin und 1 Norweger.
Die größte Freude war, als ich erfuhr, dass noch drei andere auf die gleiche Schule wie ich gehen werden, welcher Punkt mir die letzten Ängste vor dem bevorstehenden Jahr nahm. Ich habe mich auf Anhieb mit ihnen verstanden, was die Tatsache, dass wir alle aus Großstädten(Junge aus Paris ,Junge von Bern und Mädchen aus Rom) kommen, wahrscheinlich unterstützt.( Bin der Einzige mit blonden Haaren)
Nach dem ersten Kennen lernen konnten wir uns auch gleich mit dem Essen anfreunden, welches genauso fremd für mich war. Alles ist sehr fettig und es gibt sehr wenige süße Sachen, woran man sich gewöhnt, da es auch sehr delikate Sachen darunter gibt, z.B. Pflaumen, die von klebrigem Reis mit Honig umhüllt sind und das ganze in ein Bambusblatt eingepackt wird.
Abends wurden wir dann in die Technik des Tai Chi eingeweiht, was nach einer Weile relativ anstrengend wurde. Tai Chi ist die chinesische Selbstverteidigung für die Normalbevölkerung, die sehr langsam und mit einer inneren Ruhe ausgeübt wird, was in dem sich immer schneller bewegenden chinesischen Alltag höchstwahrscheinlich notwendig ist, um sein inneres Gleichgewicht aufrecht zu erhalten und nicht in die psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden, dass mir vielleicht bald selbst widerfahren wird, vorausgesetzt ich lasse mich von dieser Aufbruchstimmung mitreißen.
Aber man gewöhnt sich mit der Zeit auch daran, dass jeder mit einem eine Freundschaft eingehen will, um sein Englisch zu verbessern, obwohl man ihn wahrscheinlich nie wieder sieht.
Am nächsten Tag wurden uns die internationalen AFS Regeln noch einmal verdeutlicht, wobei auch uns noch unbekannte Regeln hinzufügt wurden. (Kein Baby, Kein Rauchen)
Und wir lernten beim Fußballspielen einige chinesische Studenten kennen, die uns erzählten, dass die Universität in China im Gegensatz zur Schule ein Traum ist, was uns in keinster Weise unsere Ängste nahm.
Sonntags wurden uns die Schulrepräsentanten vorgestellt, welche zuvorkommend und höflich waren. Aber vielleicht bei den Daten auf dem Blatt, das sie uns gaben etw übertrieben haben, z.B. wurde die Einwohnerzahl der Stadt vervierfacht oder die Größe des Schulgeländes mit 150.000 km³ angegeben. Die Schulrepräsentantinnen von meiner Schule sind zwei Frauen, eine Ältere Frau im Alter von ca. 55 Jahren mit einem ca. 5 Jahre altem Kind und eine Jüngere, dessen Alter ich auf 20 schätzen würde und Englisch unterrichtet.
Später bestiegen wir noch bei 35 °C die chinesische Mauer, die sehr viel steiler war als ich angenommen hatte, was leider auch die Preise für Wasserflaschen in die Höhe trieb (ca.0,50 € für 0,5 l).
Langsam verspüre ich einen gewissen Spaß am Feilschen, ein besonderes Kribbeln im Körper, wenn man denkt, dass man etwas besonders billig gekauft hat, auch wenn gleich danach ein Chinese auftaucht, der es für die Hälfte oder noch weniger bekommt.
Noch an diesem Abend erlebte ich wie organisiert die Chinesen doch sind. Da ein deutscher Austauschschüler nach Beijing zu einer Gastfamilie sollte, aber im letzten Moment die Gastfamilie abgesprungen ist und AFS China hat es geschafft für ihn eine Ersatzfamilie zu finden, es für ihn ein bisschen überraschend war, als er abends nichtswissend, von seiner neuen Gastfamilie abgeholt wurde.
Am darauf folgenden Tag begegnete mir etw., dass ich noch nirgendwo anders auf der Welt gesehen habe, und als erstes gar nicht glauben konnte, da es mich an den weltweiten Terror erinnerte. Ich stand um 8 Uhr auf und packte meinen Koffer, verabschiedete mich von allen und im letzten Moment erfuhr ich, dass unsere Schulrepräsentanten ihre Meinung geändert haben und wir und doch nicht den Sommerpalast anschauen würden. Also verbrachte ich die Zeit mit Kartenspielen und rumsitzen, aß noch ein letztes Mal in der Mensa. Dann fuhren wir zum Bahnhof, wo wir wie es schien die einzigen Ausländer waren, welches das beste Zeichen dafür war, dass wir endlich in China angekommen waren. Am merkwürdigsten fand ich aber, dass sich vor dem Bahnhofsgebäude eine lange Schlange bildete, da, wie sich herausstellte, sie unser Gepäck röntgten. Dabei dachte ich im ersten Moment an Deutschland und die letzten Terrorangriffe, wodurch ich bemerkt habe, dass die Chinesen im Terrorkampf schon viel weiter sind als die Europäer. Aber der größte Schock für mich war als ich die Nachteile der Globalisierung in China mit meinen eigenen Augen sehen konnte. Kinder, Behinderte, Mütter und Alte, die um Geld betteln und somit ums eigene Überleben kämpfen, dies führte mir wieder vor Augen, dass China doch noch ein Entwicklungsland ist.
Daraufhin stiegen wir in den Schlafzug nach Jiamusi, mit dem wir 22h unterwegs waren. Diese Zeit nutzten wir um uns besser miteinander bekannt zu machen, und natürlich um uns auch mit Chinesen zu unterhalten, wobei die Blicke durch mein Haar meist auf meine Person fielen, was mich bis jetzt eher erfreut als nervt. Zusätzlich gefördert durch die Enge, die 2 3er-Hochbetten auf 2x2x3 m erzeugen. Das schönste aber sind die Toiletten, welche ein Gefühl von Freiheit geben, da der über diesem Loch Kniende, sehr gut den von unten kommenden Fahrtwind spürt und er danach für die Säuberung der Umgebung dieses Lochs zuständig ist, was sich nicht sehr positiv bemerkbar macht. Dann gab es auch noch eine Frau, die Essen und Trinken verkauft hat, aber ihr Wagen war, am Ende der Reise, noch genauso voll wie davor, obwohl sie bestimmt 100 mal den Zug lang gefahren ist.
Am Ziel angekommen, wurde ich erstmal der Familie vorgestellt, welche aus ca. 15 Leuten bestand. Danach durfte ich mein Zuhause in Augenschein nehmen und die nicht ganz 120 m², wie angegeben, große Wohnung. Sie ist relativ schön mit Holz verkleidet und licht durchflutet. Die ganze Familie ist sehr nett, es spricht aber nur mein Gastbruder ein bisschen Englisch, welcher wie ich erfahren habe nächstes Jahr einen einjährigen Schüleraustausch nach Deutschland plant. Das Zimmer, wo ich wohne ist mit einem großen achtzigerjahre Schrank, zwei Schreibtischen und zwei Betten ausgestattet. Nicht mein Stil, aber wer weiß wie es in einem Jahr aussehen wird.
Am Abend waren wir zu guter letzt noch essen und danach in einem chinesischen Shoppingcenter wie Wall Mart.
Am 1.September beginnt für mich die Schule, worauf ich mich jetzt schon freue, da ich dann endlich mit den anderen Austauschschülern über alles bis jetzt erlebte reden kann und nicht bei jedem zweiten Wort nach seiner Bedeutung fragen muss.
Es mangelt zwar noch ein wenig an der Kommunikation, aber ich blicke positiv in die Zukunft.
An die Lautstärke in China muss ich mich auch erst noch gewöhnen. Ich hoffe nur, dass ich heute bei diesem Krach einschlafen kann.
Es rieseln so viele neue Eindrücke auf mich ein, dass ich Jahre bräuchte um sie niederzuschreiben, und jeden bewundere der es in wenigen oder sogar nur einem Satz schafft. Deshalb werde ich in diesem Jahr versuchen sie so gut wie möglich von meiner Seite darzustellen und hoffe, dass es nicht zu verwirrend für euch wird und ihr den Durchblick früher als ich verliert.
Ich blicke mit Vorfreude auf mein Jahr und die Erfahrungen, die ich hoffentlich gewinnen werde. Aber auch noch mit Angst ob ich das wirklich schaffen kann, da ich bis jetzt nicht das Ende des Eisberges erkennen kann.